Gastarife für Neukunden ziehen an: zehn Prozent in fünf Wochen

Von Ron Boschert · 3. September 2026 · Lesezeit ca. 5 Min.

Wer im Gastarif wechseln will, zahlt heute mehr als vor fünf Wochen. Unser Preisbarometer misst wöchentlich die günstigsten Neukundentarife an 94 Schlüssel-Postleitzahlen. In Kalenderwoche 32 lag der günstigste Arbeitspreis mit zwölf Monaten Preisgarantie bei 11,12 Cent je Kilowattstunde. In Kalenderwoche 36 sind es 12,24 Cent. Das ist ein Anstieg von 10,0 Prozent in fünf Wochen.

Was unsere Erhebung zeigt

Bei Tarifen mit 24 Monaten Preisgarantie fällt der Anstieg schwächer aus, er liegt bei 5,7 Prozent. Anbieter preisen die längere Bindung derzeit also günstiger ein als die kurze, was für einen erwarteten weiteren Anstieg spricht.

Kalenderwoche 12 Monate Garantie 24 Monate Garantie
KW 32 11,12 ct/kWh 11,33 ct/kWh
KW 33 11,21 ct/kWh 11,25 ct/kWh
KW 34 11,57 ct/kWh 11,56 ct/kWh
KW 35 11,76 ct/kWh 11,83 ct/kWh
KW 36 12,24 ct/kWh 11,98 ct/kWh

Gemessen wird der jeweils günstigste Tarif je Postleitzahl, gerechnet auf 20.000 Kilowattstunden im Jahr. Alle Preise verstehen sich inklusive Umsatzsteuer.

Ein Vergleich ordnet die Größenordnung ein. Das Statistische Bundesamt weist für das zweite Halbjahr 2025 einen Durchschnittspreis von 12,23 Cent je Kilowattstunde für private Haushalte aus. Das ist der Mittelwert über alle Haushalte, also einschließlich langjähriger Verträge und der Grundversorgung. Unser Barometer misst dagegen die günstigsten Neuabschlüsse, und die liegen mit 12,24 Cent inzwischen genau auf diesem Niveau. Der Preisvorsprung, den ein Neukundentarif üblicherweise hat, ist damit rechnerisch aufgebraucht.

Was die amtlichen Zahlen sagen

Das Statistische Bundesamt meldet für August 2026 einen Anstieg der Energiepreise um 10,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Der Wert ist vorläufig und stammt vom 31. August 2026. Die Beschleunigung ist deutlich: Im Juni lag die Rate bei 3,4 Prozent, im Juli bei 8,3 Prozent. Eine gesondert ausgewiesene Zahl für Gas enthält diese Veröffentlichung nicht, die Energiepreise fassen Haushaltsenergie und Kraftstoffe zusammen.

Die letzte amtliche Zahl allein für Gas liegt länger zurück. Sie stammt aus der EU-Statistik der Erdgas- und Stromdurchschnittspreise, die das Statistische Bundesamt am 31. März 2026 veröffentlicht hat, und beschreibt das zweite Halbjahr 2025: 12,23 Cent je Kilowattstunde, 0,8 Prozent über dem Vorhalbjahr und 0,4 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Gegenüber dem zweiten Halbjahr 2021, also vor der Energiekrise, lagen die Preise für Haushaltskunden zu diesem Zeitpunkt 79,1 Prozent höher.

Einordnung: Die amtliche Halbjahresstatistik hinkt der Marktlage naturgemäß hinterher. Sie belegt für das zweite Halbjahr 2025 noch keine Preiswelle. Unsere eigene Messung der Neuabschlüsse und der Anstieg der Energiepreise im August 2026 zeigen die Bewegung dagegen unmittelbar.

Einen Hinweis auf die Ursache gibt die Bundesnetzagentur. In ihrer Lagebewertung zur Gasversorgung, Stand 3. September 2026, heißt es, die Füllstände der Speicher in Deutschland lägen derzeit deutlich niedriger als in den Vergleichszeiträumen vergangener Jahre. Die Versorgungssicherheit bewertet die Behörde weiterhin als gewährleistet.

Was das für Wechselwillige bedeutet

Der wichtigste Punkt ist unangenehm einfach: Der Abstand zwischen Grundversorgung und günstigstem Tarif schrumpft, und zwar allein durch den Anstieg der Neukundentarife.

Unsere Preisreihe über 12.963 Orte zeigt es im Detail. Am 23. August lag der günstigste Jahrespreis im Mittel bei 2.147 Euro, am 3. September bei 2.210 Euro. Das sind 63 Euro mehr in elf Tagen. Die Grundversorgung steht im selben Zeitraum unverändert bei 2.723 Euro. Der mögliche Vorteil eines Wechsels ist damit von 576 auf 513 Euro im Jahr gesunken.

Für Haushalte in der Grundversorgung heißt das nicht, dass sich ein Wechsel nicht mehr lohnt. Er lohnt sich weiterhin deutlich, nur eben weniger als vor zwei Wochen. Wer wechseln will, sollte nicht auf ein Nachgeben der Preise setzen, solange die Speicherstände niedrig sind.

Für Haushalte in einem Sondervertrag mit laufender Preisgarantie gilt das Gegenteil: Sie sind vorerst geschützt. Ein vorzeitiger Wechsel würde den Schutz aufgeben und in ein höheres Preisniveau führen.

Worauf jetzt zu achten ist

Die Verbraucherzentrale weist in ihren Ratgebern zu Preisen, Tarifen und Anbieterwechsel auf mehrere Punkte hin, die in einer Phase steigender Preise besonders wiegen.

  • Preisgarantie prüfen, nicht nur ihr Vorhandensein. Der Verbraucherzentrale Bundesverband ist gegen Anbieter vorgegangen, die trotz zugesagter Preisgarantie die Preise erhöht hatten, unter anderem gegen Primastrom und Voxenergie. Weitere Verfahren laufen.
  • Abschlagserhöhungen nicht ungeprüft hinnehmen. Versorger begründen höhere Abschläge mit gestiegenen Beschaffungskosten oder höherem Verbrauch. Die Verbraucherzentrale rät, Widerspruch einzulegen, wenn die Begründung nicht zum eigenen Verbrauch passt.
  • Beim Sonderkündigungsrecht genau formulieren. Bei einer Preiserhöhung besteht ein Sonderkündigungsrecht. Die Verbraucherzentrale berichtet allerdings von Fällen, in denen Anbieter bloße Nachfragen bereits als Kündigung gewertet haben.
  • Grundversorgung oder Sondervertrag bewusst entscheiden. Dazu hat die Verbraucherzentrale ihren Ratgeber zuletzt am 24. August 2026 aktualisiert.

Ergänzend die Zahlen aus unserer eigenen Erhebung, die bei der Tarifwahl helfen: 85,5 Prozent der abschließbaren Gastarife führen überhaupt eine Preisgarantie, im Mittel über 12,7 Monate. Die durchschnittliche Vertragslaufzeit liegt bei 13,6 Monaten. Wichtig ist der Vergleich beider Zahlen im konkreten Angebot: Läuft die Garantie kürzer als die Bindung, schützt sie nur den ersten Teil der Laufzeit. Rund 54,5 Prozent der Tarife kommen ohne Einmalbonus aus. Boni senken das erste Jahr, nicht das zweite.

Quellen

  • Statistisches Bundesamt, Verbraucherpreisindex, vorläufige Ergebnisse für August 2026, veröffentlicht am 31. August 2026.
  • Statistisches Bundesamt, EU-Statistik der Erdgas- und Stromdurchschnittspreise, zweites Halbjahr 2025, veröffentlicht am 31. März 2026.
  • Bundesnetzagentur, Lagebericht zur aktuellen Gasversorgung, Stand 3. September 2026.
  • Verbraucherzentrale, Themenbereich Preise, Tarife und Anbieterwechsel, darunter die Ratgeber „Grundversorgung oder Sondervertrag? Verträge bei Strom und Gas“ (24. August 2026) und „So finden Sie den passenden Strom- oder Gastarif“ (29. Juli 2026).
  • Eigene Erhebung: Preisbarometer über 94 Schlüssel-Postleitzahlen, Kalenderwochen 32 bis 36 des Jahres 2026, sowie tägliche Preisreihe über 12.963 Orte seit dem 23. August 2026. Gerechnet auf 20.000 Kilowattstunden im Jahr, Preise inklusive Umsatzsteuer, ohne Einmalboni beim Grundversorgungsvergleich. Wie wir rechnen, steht unter Methodik und Transparenz.